Thomas Karny

Kugelhagel am Haymarket

Ein Justizmord begründet den 1. Mai als "Tag der Arbeit"

In den Vereinigten Staaten von Amerika kündigt sich für 1886 ein politisch heißes Frühjahr an. Seit mehr als zwanzig Jahren kämpft die Arbeiterschaft für die Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages. Bis spätestens 1. Mai 1886, darauf haben sich die Gewerkschaften der Vereinigten Staaten und von Kanada auf einem Kongress zwei Jahre zuvor verständigt, soll er gesetzlich verankert sein. Sollte ihn das Kapital der Arbeiterschaft nicht zugestehen, würde sie ihn sich holen. Die Gewerkschaften sind für eine klare Sprache: In den Industriegebieten planen sie eine Reihe von Ausständen, für den 1. Mai 1886 einen landesweiten Generalstreik.
Ein Zentrum des Arbeitskampfes ist Chicago. Aufgrund ihrer verkehrsstrategischen Lage und ihrer Industrie kommt der Stadt eine bedeutende wirtschaftliche Rolle zu. Die Zahl der Einwohner hat sich in den letzten zehn Jahren auf 600.000 verdoppelt. Fast die Hälfte sind Immigranten, die Deutschen stellen mit rund 100.000 Einwohnern die größte community. Die Integration verläuft schleppend, die einzelnen Nationalitäten bleiben in der Meinung, Abgrenzung schütze sie, unter sich. Die Arbeitgeber nützen diese Stimmung. Sie halten die Belegschaft durch multinationale Zusammensetzung der Arbeitskommandos ruhig. Ihr Kalkül: Wer sich schon in Europa nicht riechen konnte, lässt sich auch in der Fremde auseinander dividieren.
The land of the free and the home of the brave - ein Bild, das in der alten Heimat von Legenden genährt und durch Versprechungen diverser Auswanderungsbüros ergänzt wurde, hat seinen Glanz längst verloren. Mit großen Erwartungen jenseits des Atlantiks vom Hochseedampfer geklettert, werden die Neuankömmlinge meist in das Joch von Vermittlungsagenturen gespannt, die Arbeitskräfte kontingentweise und zu Hungerlöhnen an die Fabriken, die Schlachthöfe oder den Bahn- und Straßenbau vermitteln. Die Arbeiterfamilien leben in Elendsquartieren und zahlen horrende Mieten. Mitte der 1880er Jahre ist nahezu ein Fünftel des amerikanischen Industrieproletariats arbeitslos, zwei Millionen Wanderarbeiter ziehen auf der Suche nach Beschäftigung durchs Land.
Die konservative „Chicago Times“ rät zu drastischen Maßnahmen: „Es ist sehr hübsch, wahres Elend zu bessern, aber die beste Mahlzeit für einen lumpigen Tramp ist Blei.“ Doch das amerikanische Establishment verkennt die Lage. Das Kapital hat es nicht mehr mit Vagabunden zu tun, sondern mit einer organisierten Arbeiterschaft. Die Wirtschaftskrise zwischen 1882 und 1886 hat den „Labor Unions“ einen enormen Zulauf beschert. Die „Knights of Labor“ haben als größte Arbeitervertretung ihre Mitgliederzahl im genannten Zeitraum auf über 700.000 nahezu verzwanzigfacht! Die Gewerkschaften sind zu einem realen Machtfaktor geworden, die ihre Interessen mit Nachdruck und nötigenfalls Kampfmaßnahmen durchsetzen.
Die Gegenseite reagiert mit dem Einsatz von Privatarmeen wie etwa den berüchtigten Pinkertons, die als Streikbrecher eingesetzt werden. Der Ton in der Presse bleibt scharf: „Handgranaten sollten unter die Unionsleute, die höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten fordern, geworfen werden. Durch solche Behandlung bekommen sie eine gute Lektion erteilt, und die anderen werden vor dem Streiken gewarnt.“ („New York Tribune“)
Was zu erwarten war, tritt ein. Die Arbeitgeber haben nicht eingelenkt, die Arbeiter treten am 1. Mai 1886 in den Ausstand. Landesweit werden über 11.000 Betriebe bestreikt, in Chicago legen 40.000 Menschen ihre Arbeit nieder. Die Schienen sind lahm gelegt, die Gefrierhäuser verbarrikadiert, kein Rauch steigt aus den Schornsteinen. Durch die Stadt wälzt sich eine der größten Demonstrationen, die Chicago je gesehen hat. Als Wortführer für den Acht-Stunden-Tag haben sich Anarchisten in die erste Reihe gestellt. Ursprünglich die Gewalt als alleiniges Mittel des Widerstands propagierend und zu Kompromissen mit den Arbeitgebern nicht bereit, fungieren sie nun als Sprachrohr für das Anliegen ihrer Genossen. Auch wenn in der Vergangenheit den geharnischten Worten selten der Terror durch die Tat gefolgt ist, gerät die Agitation in Chicago in radikale Schieflage und bietet der Gegenseite eine willkommene Angriffsfläche. Die „Chicago Mail“ bezeichnet führende Anarchisten wie Albert R. Parsons, ehemals Schriftführer des Senats von Texas und durch den großen Eisenbahnerstreik von 1877 radikalisiert, und August Spies, deutschstämmiger Herausgeber der „Arbeiter-Zeitung“, als „zwei gefährliche Schurken“ und geifert: „Statuiert ein Exempel an ihnen, noch bevor die Unruhen um sich greifen!“
Doch entgegen allen Befürchtungen verläuft der 1. Mai ruhig. Der Funke, der in weiterer Folge das Pulverfass Chicago explodieren lassen wird, zünden Pinkertons und Spezialeinheiten der Polizei zwei Tage später, als sie einen Streik in der Landmaschinenfabrik McCormick brutal auflösen. Vier Arbeiter werden erschossen, unzählige bleiben verletzt zurück. Empört über den blutigen Polizeiüberfall, begibt sich Spies in die Redaktion seiner „Arbeiter-Zeitung“ und verfasst ein Flugblatt, in dem er die Arbeiter von Chicago zum Widerstand und für den 4. Mai zu einer Protestkundgebung am Haymarket aufruft.
Der Haymarket ist ein lang gezogenes Rechteck, das durch die Verbreiterung der Randolph Street entstanden ist. Um den Platz liegen Fabrikgebäude und Warenhäuser. Kaum hundert Schritt entfernt, in der Desplaines Street, befindet sich eine Polizeistation. Auf dem Haymarket finden 20.000 Leute Platz, an jenem 4. Mai sind es vielleicht tausend, darunter auch der Bürgermeister, Carter H. Harrison. Er beschreibt später die Kundgebung als „im Großen und Ganzen ruhig“. Nach den Ansprachen von Parsons und Spies sei er zur nahe gelegenen Polizeistation gegangen und habe Kommissar Bonfield mitgeteilt, dass es keinerlei Anlass zum Einschreiten gegeben habe und er seine Leute nach Hause schicken solle.
Doch wenig später steht Bonfield mit zwei Hundertschaften Polizei auf dem Haymarket und befiehlt die Auflösung der Versammlung. Unter den noch etwa 300 verbliebenen Versammlungsteilnehmern kommt Unruhe auf. Plötzlich explodiert eine Bombe. Die Polizei schießt wie wild in die Menge. Als der Kugelhagel verebbt, ist der Haymarket von Blut getränkt. Die Anzahl der toten Demonstranten wird nie ermittelt, die Polizei beklagt in ihren Reihen zunächst einen Toten. Von den siebzig verletzten Polizisten sterben in den nächsten Wochen noch sechs weitere. Wahrscheinlich sind sie Opfer jener Kugeln geworden, die ihre eigenen Kameraden abgefeuert haben.
Das erste tödliche Bombenattentat in der Geschichte der Vereinigten Staaten nährt die Hysterie von der „roten Gefahr“. Spekulationen und Gerüchte von weiteren Attentaten, Plünderungen, gar einem anarchistischen Umsturz machen die Runde. So sehr Teile der Bevölkerung in Panik geraten, so kalkuliert und kaltblütig nützen Polizei und Justiz die aktuelle Atmosphäre, um bekannte und verdächtigte Arbeiterführer aus dem Verkehr zu ziehen. Ohne Durchsuchungsbefehle werden Wohnungen aufgebrochen und nach Beweisstücken durchwühlt. Verdächtige werden misshandelt, andere bestochen, damit sie sich als Staatszeugen zur Verfügung stellen. Die Polizei hebt Waffenarsenale aus, die sie bei missliebigen Personen selbst angelegt hat. Ist eine anarchistische Zelle zerschlagen, bilden V-Männer der Polizei neue, um der Öffentlichkeit die große Gefahr durch die „Gesetzlosen“ zu suggerieren. Chicagos Geschäftsleute setzen einen patriotischen Akt – und demontieren rotfarbige Reklame.
Schließlich werden acht stadtbekannte Anarchisten wegen des gemeinschaftlichen Mordes angeklagt. Die Verhaftungen der Deutschen August Spies, Georg Engel, Adolph Fischer, Oskar Neebe, Michael Schwab und des Engländers Samuel Fielden sind problemlos verlaufen. Sie sind sich keiner Schuld bewusst. Nur Louis Lingg, ein vor einem Jahr aus Mannheim eingewanderter 22-jähriger Zimmermann, hat sich seiner Verhaftung widersetzt. Er ist der einzige der Angeklagten, der eine Bombe herstellen kann. Er ahnt, dass man ihm daraus einen Strick drehen wird, ungeachtet der Tatsache, dass er zum Zeitpunkt der Explosion zwei Meilen vom Haymarket entfernt auf einer Versammlung der Zimmerleute gewesen ist. Albert R. Parsons ist abgetaucht.
Am 21. Juni 1886, kurz nach dem Tod des siebenten Polizisten, wird in Chicago dem Anarchismus der Prozess gemacht. Noch am selben Tag tritt Parsons in den Gerichtssaal und setzt sich zu seinen Genossen auf die Anklagebank. Als einziger der Angeklagten gebürtiger Amerikaner, versucht er mit seinem Erscheinen der Pogromstimmung gegen die „ausländischen Verschwörer“ den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Anklage stützt sich auf Erhebungen einer voreingenommenen Polizei und gekauften Zeugenaussagen. Dass von den acht Angeklagten nur drei auf dem Haymarket waren, lässt sie außer Acht. Dass die Geschworenen nicht wie üblich durch das Los bestimmt, sondern durch einen Beamten der Staatsanwaltschaft ausgewählt worden sind, macht den Prozess zur Farce, stört Öffentlichkeit, Justiz und Establishment aber nicht.
Doch das Gericht hat es nicht leicht, die Todesurteile fällen zu können. Die Zeugenaussagen werden von der Verteidigung widerlegt, die Alibis bestätigt. Das Konstrukt von Staatsanwalt Julius S. Grinnell ist zusammengebrochen, die Anklage wegen Mordes wird fallen gelassen und in „Verschwörung zur Ermordung von Polizisten“ umgewandelt. Der Bombenwerfer bleibt unbekannt. Was bleibt, sind die militanten Aufrufe und Losungen sowie erfolgreichen Agitationen der Arbeiterführer. Dafür droht ihnen nun der Galgen. Richter Joseph E. Gary und die Geschworenen sorgen dafür, dass er auch zur Anwendung kommt. Am 19. August 1886 werden sieben Angeklagte zum Tode, Oskar Neebe zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Die Verteidigung beantragt mehrmals die Wiederaufnahme des Verfahrens, schlussendlich lehnt sie am 2. November 1887 auch der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten ab. Für den 11. November wird der Hinrichtungstermin festgesetzt.
Eine internationale Amnestie-Kampagne, unterstützt von George Bernard Shaw und William Morris, setzt ein. Eine Flut von Petitionen, Resolutionen und Briefen aus Frankreich, Holland, Russland, Italien und Spanien überschwemmt das Büro von Gouverneur Richard J. Oglesby. Zahlreiche Gnadengesuche amerikanischer Delegationen landen auf seinem Schreibtisch.
Spies bietet Oglesby an, man möge ihn stellvertretend für seine Mitangeklagten hängen. Der Gouverneur begnadigt Fielden und Schwab zu lebenslanger Haft. Louis Lingg sprengt sich in seiner Zelle einen Tag vor der Hinrichtung mit einer selbst gebauten Bombe in die Luft. Am 11. November 1887 werden August Spies, Albert R. Parsons, Georg Engel und Adolph Fischer gehängt. 150.000 Menschen säumen wenige Tage später den Begräbniszug.
Auf der zweiten „Sozialistischen Internationale“ 1889 rufen die Delegierten im Gedenken an die Haymarket-Ereignisse den 1. Mai zum Kampftag der Arbeiter aus, 1890 wird er erstmals als solcher begangen. Am 25. Juni 1893 wird auf dem Waldheim-Friedhof in Chicago ein Grabmal für die Hingerichteten enthüllt. Einen Tag später veröffentlicht der neue Gouverneur von Illinois, John Peter Altgeld, seine „Pardon Message“, in der er die Märtyrer von 1886 posthum rehabilitiert: „In allen Jahrhunderten, seit es Regierungen unter den Menschen gibt und Verbrechen bestraft werden, hat noch kein Richter eines zivilisierten Landes nach solch einem Grundsatz Recht gesprochen.“ Samuel Fielden, Oskar Neebe und Michael Schwab werden auf freien Fuß gesetzt. Altgeld verliert die Wiederwahl und stirbt in Armut.

Alle Zitate nach: Horst Karasek, Haymarket – 1886: Die deutschen Anarchisten von Chicago, Berlin 1976

Erschienen in "Wiener Zeitung", 29./30.4.2006