Thomas Karny

Furnierter Wiederaufbau

"Soziales Wohnen" ermöglichte Billigmöblierung nach dem Krieg

Die Wohnfläche, die mir als Kind und später als Jugendlicher zur Verfügung stand, war – wiewohl ich in einem Einfamilienhaus aufgewachsen bin - gering. Der Umstand, dass mein Elternhaus aus dem Biedermeier stammt, bot neben der Berechtigung zu bestimmten Subventionen für Renovierung und Sanierung auch den Vorteil, gewisse Arbeiten sehr schnell erledigen zu können. Mein Zimmer war so klein, dass ein groß gewachsener Maler zwei Wände gleichzeitig hätte streichen können, hätte er sich mit ausgestreckten Armen in die Mitte des Raumes gestellt und die Farbrollen zur Linken und zur Rechten synchron auf und ab gleiten lassen. Insofern unterschieden sich die Räumlichkeiten in unserem Haus nicht wesentlich von jenen Wohnungen, die nach dem Krieg im Zuge des aus ERP-Mitteln finanzierten Schnellbauprogramms ruck, zuck aufgestellt worden waren. Auch die waren klein, boten ein Mindestmaß an Komfort, und ihre Wohneinheiten waren so angelegt, dass sie im Bedarfsfall und bei (der zur erwartenden) Besserung der wirtschaftlichen Lage zu einer größeren Wohnung zusammengelegt werden konnten. Das Flair eines aus handgeformten Lehmziegeln errichteten Häuschens, dessen Obergeschoß sowohl von einem Holztram als auch einem Spannungsbogen gestützt wird, ist mit dem einer Duplex-Wohnung natürlich nicht zu vergleichen, darum jedoch geht es hier nicht.
Wohl aber darum, dass einer Neuanschaffung von Möbeln nicht nur ein strenger Blick auf die Finanzen, sondern auf Grund des geringen Platzes auch eine wohlüberlegte und zentimetergenaue Kalkulation vorangehen musste. War die Couch zu breit, bekam man die Tür nicht weit genug auf, ragte der Tisch zu weit in den Raum, rannte man ständig dagegen, war der Schrank zu lang, verstellte er das Fenster. In meinem Zimmer erwiesen sich Kleiderschrank, Bett und Schreibtisch, wollte man ohne Verrenkungen vor diesem auch Platz nehmen, als nicht kompatibel. Also stand hier ein Kastenbett. Ein flexibles Möbel, bei dem man in der Früh das Bettzeug mit Gurten an die Matratze zurrte und das Bettgestell um 90 Grad nach oben kippte. Die Bettbeine verschwanden auf wundersame Weise, die Unterseite des Bettes bildete nun die Front eines kastenartigen Möbelstücks und war außerdem mit zwei goldfarbenen Griffen und vier in derselben Farbe gehaltenen Zierleisten versehen. Und - das eigentlich Wesentliche - der Zugang zum Schreibtisch war frei. Am Abend wiederholte sich der Vorgang auf entgegen gesetzte Weise, das Auf- und Zuklappen wurde zur Routine. Als Kind liebte ich das Bett, weil, lag man einmal darin, es etwas Höhlenartiges an sich hatte. Ich hielt es für etwas Besonderes und war stolz darauf.
Erst viel später sollte ich erfahren, dass dieses Bett ein Modell aus einer nach dem Krieg entwickelten neuartigen Möbellinie war. Diese war sowohl ideologisch als auch in Ausführung und Praktikabilität ein Gegenentwurf zu bis dahin gekanntem Mobiliar und nannte sich „Soziale Wohnkultur“, kurz SW. Bis dahin gab es Möbel nur für jene, die sich welche leisten konnten und jene, die sich keine leisten konnten. Bei letzteren standen roh gezimmerte, abgenutzte Tische und Schemel, man schlief in aus vier Brettern zusammengenagelten Kisten und hatte das spärliche Geschirr in Kredenzen untergebracht, aus denen bereits das Glas gefallen war oder die sich wegen defekter Schlösser nicht mehr schließen ließen. Ein Diwan war ein Luxusgut, seine Benützung meist nur dem Familienoberhaupt vorbehalten. Die anderen aber besaßen vom Tischler aus Massivholz gefertigte Einzelstücke, dem großzügigen Raumangebot der Wohnungen des gehobenen Bürgertums angepasst und daher ausladend in der Form, gebaut für Generationen, von der einen an die nächste vererbt. Bloß im Wien der Zwischenkriegszeit war im Zuge des weltweit vorbildhaften sozialen Wohnbaus der erfolgreiche Versuch unternommen worden, die Wohnbedingungen des Proletariats zu verbessern. Wiewohl die Wohnungen nicht groß waren – in der Regel Diele, Wohnküche, Zimmer und WC – boten sie durch Gemeinschaftseinrichtungen wie Bäder, Waschküchen, Bibliotheken und Veranstaltungsräume einen wesentlich höheren Komfort als die üblichen Bassenawohnungen. Ein der Raumgröße angepasstes Möbelprogramm gab es zwar in Ansätzen bereits, doch dem Zielpublikum fehlte das Geld. Die Wirtschaftskrise hatte Hunderttausende auf die Straße gespült. Wer damit beschäftigt war, Lebensmittel für den nächsten Tag aufzutreiben, dachte nicht an eine neue Wohnungseinrichtung.
Etwa zwanzig Jahre und einen furchtbaren Krieg später ging man, entsprechend den bescheidenen wirtschaftlichen Bedingungen, abermals daran, ein Möbelsortiment für kleine Räume und kleine Geldbörsen zu entwerfen. In Zusammenarbeit mit der Frauenbewegung der SPÖ Wien entwickelte der Architekt Franz Schuster ein entsprechendes Einrichtungskonzept. Schuster war von 1923 bis 1925 Chefarchitekt des Österreichischen Verbandes für Siedlungs- und Kleingartenwesen und ab 1933 Generalsekretär des Internationalen Verbandes für Wohnungswesen gewesen. Nach dem Krieg erfolgte die Ernennung zum korrespondierenden Ehrenmitglied des Royal Institute of British Architecture und zum Konsulenten der Stadt Wien. Zwischen 1927 und 1933 hatte er in Frankfurt/Main, wo er an der Städteschule zum Leiter der Fachklasse für Wohnungsbau und Innenausstattung bestellt wurde, mit Margarete Schütte-Lihotzky zusammen gearbeitet. Folgerichtig wird die „Frankfurter Küche“ in den Fünfzigerjahren als Pendant die „Wiener Einbauküche“ erhalten. Beiden gleich waren die sachliche, klare Form und der Verzicht auf unnotwendiges schmückendes Beiwerk. „Wir müssen das Elementare suchen“, so einer von Schusters Leitsätzen, „die Grundform, die uns anspricht und aus der neue Formen wachsen können.“ Dementsprechend sollte das einfache Volk, dies war der ideologische Ansatz, sich von bürgerlich geprägter Wohnart lösen und eine eigene Wohnkultur entwickeln. Zugeschnitten sollte das Möbelprogramm in erster Linie auf die Frau sein, für die die Wohnung Ort ihrer Tätigkeit und Arbeitsleistung war. Die schnörkellosen Formen und glatten Flächen würden ihr gemeinsam mit dem Einsatz von Haushaltsgeräten die Arbeit erleichtern, wodurch sie mehr Zeit für sich und die Familie haben sollte.
So wurden die ersten Mustermöbel im Wiener Messepalast 1950 auch unter dem Titel „Die Frau und ihre Wohnung“ vorgestellt. Die Ausstellung stieß auf großes Interesse, fand jedoch gerade bei der Arbeiterschicht, für die diese Möbel eigentlich gedacht waren, wenig Gefallen. Das mag daran gelegen sein, dass die Möbel zwar die Erfordernisse der Funktionalität, nicht aber den Anspruch an Repräsentativität erfüllten. Etwas, woran sich die bürgerliche Mittelschicht nicht stieß. Sie wird in der Folge die Vorreiterrolle für die Umsetzung einer neuen Wohnkultur übernehmen.
Der Österreichische Gewerkschaftsbund, die Wiener Arbeiterkammer, die Wiener Handelskammer und die Gemeinde Wien schlossen sich für das Projekt „Soziale Wohnkultur“ zusammen und schufen die Rahmenbedingungen für eine starke Produktions- und Vertriebsstruktur. Bekannte Architekten und Architektinnen wurden eingeladen, gefällige, aber zweckmäßige und rationell herzustellende Möbel zu entwerfen. Neben Franz Schuster legten u. a. auch Otto Niedermoser, Oskar Payer, Roland Rainer sowie Maria und Peter Tölzer ihre Konzeptideen vor. Darüber, welche Möbel in Produktion gingen, entschieden 1952 bei einer Prototypen-Ausstellung die Besucher per Stimmzettel.
Der neu gegründete und in Wien ansässige Verein „Soziales Wohnen“ fungierte als organisatorische Drehscheibe des Projekts. Mit Erzeugern und Händlern wurden das Sortiment, einheitliche Qualitätsstandards und Preisgestaltung vereinbart. Das geschützte rot-weiße Markenlogo zeigte im unteren Teil die fett gedruckten Blockbuchstaben SW, während im oberen Teil die Buchstaben ÖGB wie Strahlen einer aufgehenden Sonne aus dem Zentrum eines in seinen Umrissen kartographisch dargestellten Österreich prangten. Sowohl den kapitalarmen Herstellern als auch den finanzschwachen Konsumenten wurde mit Krediten unter die Arme gegriffen.
Die am 18. Februar 1954 im Wiener Messepalast eröffnete Möbelausstellung war gleichzeitig der definitive Startschuss zur großen Aktion „Soziale Wohnkultur“. Endlich konnten die Möbel, die bisher nur als Prototypen und Muster zu sehen waren, auch erstanden werden. Bürgermeister Franz Jonas verwies in seiner Eröffnungsrede darauf, dass die Gemeinde Wien die SW-Aktion mit einem Kredit von 10 Millionen Schilling unterstütze. 1954 waren zwanzig Möbelgeschäfte SW-Mitgliedsbetriebe, wo der Erwerb von Einrichtungen zu Teilzahlungen von bis zu 30 Monatsraten bei sechsprozentiger Verzinsung möglich war. 13 Millionen Schilling wurden im ersten Jahr umgesetzt, fünf Jahre später waren es bereits 100 Millionen. Die Mitgliederzahl wuchs auf 280 Geschäfte, Vertreter des SW-Vereins betreuten die Verkaufsstellen, der erste österreichische Möbelverband war gegründet.
Wurde zunächst neben der „Wiener Einbauküche“ nur eine geringe Auswahl an Schlaf- und Wohnzimmermöbeln angeboten, so wuchs das Sortiment bald an und befriedigte nahezu jedweden Wohnbedarf: Kleiderschränke und Schuhkästchen, Schrankwandverbauten, Garderoben, Musik- und Fernsehschränke, verschiedenste Sitzbänke, Tische, Sessel, Fauteuils und schließlich auch Polstermöbel. Die Spanplatte war in der Möbelindustrie bald das meist verwendete Fertigungsmaterial, auch in der SW-Produktion bildete sie oft den inneren Kern des Möbels. Die Verzierungen und Auflagen, zunächst oft Buchen- und Eichenfurnier mit aufgeklebten Holzleisten, wurden bald vielfältiger: Metallstäbe, Furniere in verschiedener Helligkeit, eingelegte Streifen, matt oder hoch glänzend. Später fanden statt Holz- mehr und mehr Kunststoffplatten Verwendung und Metall wurde gegen Plastik ausgetauscht. Die relativ hohen und dünnen Kasten- und Stuhlbeine waren nicht nur ein typisches Designmerkmal, sondern erfüllten auch den Zweck der raumpflegefreundlichen leichten Zugänglichkeit. Konzipiert war das Sortiment als Aufbauprogramm, Stück um Stück konnte die Wohnung eingerichtet werden.
SW war eine temporäre Aktion für den Übergang von der armen Nachkriegszeit in die ab Ende der Sechzigerjahre einsetzende Phase des allgemeinen Wohlstands. Die Arbeitnehmer verdienten nun mehr, die Kaufkraft stieg, der Preis war mittlerweile nicht mehr das einzig ausschlaggebende Kriterium für eine Neuanschaffung, ja fast das Gegenteil war der Fall: Billig galt nun als unschick, die den Niedriglöhnen angepassten Erstmöbel wichen mehr und mehr teureren, komfortabler ausgeführten und wertvoller gefertigten Einrichtungsstücken. Mit dem zunehmenden Konsum besserte sich auch die wirtschaftliche Lage der Erzeuger. Sie lösten sich aus ihrer Abhängigkeit vom SW-Verein, erstellten ihre eigenen Programme und konnten nun eigenständig expandieren. Die Gemeinde Wien sah auch keine Veranlassung mehr, weitere Kredite zu gewähren, im Herbst 1976 wurde der Verein „Soziales Wohnen“ aufgelöst.
Was die wirtschaftliche Not erforderlich gemacht hatte, wurde durch die SW-Aktion in der Zeit ihres Bestehens zur Tugend erhoben: Die kaufkraftschwache Klientel konnte die Einrichtung zwar nur nach und nach vervollständigen, dafür setzte sie sich mit der Gestaltung ihres Wohnraums auch intensiver auseinander. Wenn SW-Obmann Josef Laš 1964 meinte, dass nun eine Wohnkultur bevorzugt würde, „in der der Mensch das Maß aller Dinge ist und in der nicht die falsche Sucht zur Repräsentation den Ausschlag gibt“, so mochte das eine euphemistische Umschreibung des allgemeinen, schlichten Ausstattungsstandards sein. Doch die Zusammenstellung des Mobiliars – mochte es nach heutigen Maßstäben auch armselig erscheinen – war in vielen Teilen wohl individueller als eine zeitgenössische, in Großserie gefertigte Wohnzimmerlandschaft, die in ihren Elementen als ein vorgegebenes, fix und fertiges Gesamtpaket zu erstehen und frei von jeglicher persönlicher Gestaltungsmöglichkeit ist. (Sieht man von der Wahlmöglichkeit, drei oder vier Einlageflächen in der Vitrine unterzubringen, ab.)
P.S.: Mein ehemaliges Zimmer ist nun das Arbeitszimmer meiner Mutter. Das Kastenbett steht, da offensichtlich niemandem im Wege, noch immer darin. Seinen ureigensten Zweck erfüllt es schon längst nicht mehr. Es dient als Ablage und als Reminiszenz an eine Zeit, in der Träume erlaubt waren, das Wünschen noch geholfen hat und die Zukunft nur besser werden konnte.

Erschienen in "Wiener Zeitung", 7./8.10.2005