Thomas Karny

Der Wandel nach dem Februar ’34

Abschiede und Wiederbegnungen in einer Zeit der Wirren

Anfang 1934 mehrten sich die Hinweise, dass Bundeskanzler Engelbert Dollfuß und die Heimwehren die Verfassung außer Kraft setzen und ein autoritäres Regime errichten wollten. Uneins, wie diesen Entwicklungen zu begegnen sei, stolperte Österreichs Linke in einen Aufstand und erlitt eine schreckliche Niederlage. So mancher, der am 12. Februar 1934 noch auf der einen Seite stand, war später auf der anderen zu finden. So oder so.
Die Würfel waren tags zuvor gefallen. Nach einer Gefechtsübung des niederösterreichischen Heimatschutzes in Strebersdorf prophezeite Vizekanzler und Sicherheitsminister Major Emil Fey: „Wir werden morgen an die Arbeit gehen, und wir werden ganze Arbeit leisten!“. Am selben Tag fasste in Linz der Schutzbundführer von Oberösterreich, Richard Bernaschek, nach Beratung mit fünf seiner engsten Vertrauten den Entschluss, gewaltsamen Widerstand zu leisten, wenn am Montag in einer oberösterreichischen Stadt Waffensuchen begonnen oder sozialdemokratische Vertrauensleute verhaftet werden sollten. In seinem Brief an den Parteivorstand schrieb er: „Wir gehen nicht mehr zurück! Wenn die Wiener Arbeiterschaft uns im Stiche lässt, Schmach und Schande über sie!“
Während sich ein Kurier mit Bernascheks Brief auf den Weg nach Wien machte, gab es in Linz eine weitere Unterredung. Nicht alle teilten die Kampflust des Schutzbundführers. Arbeiterkammer-Sekretär Richard Strasser legte ihm nahe, „die ganze Sache noch einmal zu überlegen“, Nationalratsabgeordneter Ernst Koref riet zum Abwarten, und Franz Sichelrader hoffte: „Der Parteivorstand wird’s ihm wohl abdrehen.“
Der Bürgermeister von Steyr hatte die Stimmung in Wien richtig eingeschätzt. Otto Bauer war über die Nachricht aus Linz entsetzt. Er schickte den Kurier unverzüglich zurück, um Bernaschek die entschiedene Ablehnung des Parteivorstandes wissen zu lassen. Gleichzeitig ließ er fernmündlich eine Warnung nach Linz abgeben: „Der Tante geht es gut. Die Ärzte und Onkel Otto sind der Meinung, dass man abwarten müsse und nichts unternehmen dürfe.“ Das Telefonat wurde abgehört. Oberösterreichs Sicherheitsdirektor Johann Hammerstein-Equord gab den Befehl, im „Hotel Schiff“ mit der Waffensuche zu beginnen.
Etwa zwanzig Polizisten drangen am Montag, dem 12. Februar 1934, in die Parteizentrale der oberösterreichischen Sozialdemokraten ein, um 7 Uhr früh waren Bernaschek und zwei seiner Mitarbeiter verhaftet. Zwischen den Schutzbündlern, die sich in den oberen Geschoßen verschanzt hatten, und den Polizisten im Hof kam es zu einem anhaltenden Schusswechsel. Gegen 10 Uhr wurde Bundesheer zur Verstärkung angefordert. Wenig später fiel Rudolf Kunz, der als MG-Schütze bis dahin das Parteiheim verteidigt hatte, als erstes Opfer.
Nach Bekanntwerden der Auseinandersetzungen in Linz kam es in weiten Teilen Österreichs zu spontanen Aufstandsaktionen. Aber weder gab es genügend Waffen noch eine Kampfleitung. In kleine Grüppchen versprengt und auf eigene Faust versuchten 20.000 Arbeiter, die Republik vor dem Untergang zu bewahren. Ihnen gegenüber eine dreifache Übermacht aus Gendarmerie, Polizei, Bundesheer und Heimwehren. Das seit November 1933 geltende Standrecht wurde auf Aufruhr ausgedehnt, mit Artillerie schoss das Bundesheer auf Gemeindebauten und Arbeiterwohnhäuser. Nach drei Tagen war alles vorbei. Über 300 Tote hatten die Kämpfe gekostet, wobei die Mehrzahl der Opfer auf Seiten der Aufständischen zu beklagen war, darunter Frauen und Kinder, die bei der Beschießung ihrer Wohnungen ums Leben gekommen waren.
Acht Standgerichtsurteile wurden gefällt. Unter anderem gegen die Wiener Karl Münichreiter und Georg Weissel, die verletzt zum Galgen geschleift wurden; gegen den Steyrer Josef Ahrer, der von einem Nachbarn verleumdet wurde; gegen den steirischen Arbeiterführer Koloman Wallisch, für den das Standrecht in der Steiermark, um ihn aufhängen zu können, auch nach Beendigung der Kämpfe noch aufrecht geblieben war. – Tausende Verhaftungen, die Sozialdemokraten als ehemals stärkste parlamentarische Kraft in die Illegalität gedrängt. Wut und Trauer überall, der Februar ’34 hatte zwischen Schwarz und Rot eine Kluft für Jahrzehnte geschlagen.
Der Polizeieinsatz gegen das „Hotel Schiff“ und die Verhaftung Bernascheks wurden vom Polizeioberkommissär Dr. Josef Hofer geleitet. Einem Christlichsozialen, der mit dem Heimwehrfaschismus nichts im Sinn hatte, als Beamter der Staatsmacht jedoch ein loyaler Diener war. Nachdem in der Nacht vom 2. auf den 3. April 1934 Bernaschek mit vier weiteren Häftlingen die Flucht aus dem Gefängnis des Linzer Landesgerichts gelungen war, wurde Hofer mit den Ermittlungen des Fluchthergangs beauftragt. Er brachte Ungeheuerliches ans Tageslicht. Der Gefängnisdirektor, Ernst Seiler, war nicht nur Nazi-Sympathisant, er duldete auch erleichterte Haftbedingungen für seine Gesinnungsgenossen. Nicht von ungefähr war der Fluchthelfer ein nationalsozialistisch gesinnter Justizwachebeamter. Dass er zwei Nationalsozialisten und drei Sozialdemokraten den Weg in die Freiheit wies, belegt, wie unscharf die politische Trennlinie zwischen den oppositionellen Gruppierungen nach der Februar-Niederlage verlief. Die Flucht war ein nationaler Skandal, hatte eine Reihe von Suspendierungen, Zwangspensionierungen und Entlassungen zur Folge, wovon auch der Landesgerichtspräsident und der Gefängnisdirektor nicht verschont blieben.
Bernaschek war nicht - wie viele Schutzbündler - in die Tschechoslowakei geflohen, sondern mit seinen Fluchtgefährten nach Deutschland gebracht worden. Für die Fluchthilfe wollten die Nazis auch eine Gegenleistung. Als bekannt wurde, dass er in München Kontakt zu Nazi-Spitzen unterhielt und die NSDAP seinen Aufenthalt sowie den seiner beiden Genossen finanzierte, waren die Linken hierzulande entsetzt. Erst recht, als er verkündete: „Das Programm der Nationalsozialisten steht uns näher!“ Ihnen könnten „die Sozialisten und auch Kommunisten ohne Gesinnungsänderung in einer baldigen geschichtlichen Neuwahl“ die Stimme geben. Es war die „Odyssee eines Rebellen“, wie es die Bernaschek-Biografen Inez Kykal und Karl R. Stadler nannten.
Eine Tätigkeit als Propagandist, wie es die Nazis von ihm forderten, lehnte er jedoch ausdrücklich ab. Als er wenig später Deutschland verließ, erklärten Bernaschek und Theo Habicht, Inspekteur der NSDAP-Landesleitung Österreich, „mit aller Offenheit und Deutlichkeit, dass wir in Zukunft als unerbittliche Feinde einander gegenüberstehen“. Bernaschek emigrierte nach Prag und zog sich vorerst aus der Politik zurück. Seine beiden – ehemals sozialdemokratisch gesinnten – Fluchtgenossen blieben, sie waren der „österreichischen Legion“ beigetreten. Einer der beiden wird 1938 als Siedlungsreferent nach Linz zurückkehren und später, Jahre nach dem Krieg, für die FPÖ im Linzer Gemeinderat sitzen. Es war Otto Huschka, einer jener fünf Vertrauten, mit denen Bernaschek am Vorabend des 12. Februar den Brief an Otto Bauer verfasst hatte.
Während am 12. März 1938 auf den Straßen von Linz Zehntausende ungeduldig auf Adolf Hitler warteten, saß Dr. Josef Hofer in seinem Büro. Als der Führer kam, waren auch SA und SS da, demolierten jüdische Geschäfte, misshandelten deren Besitzer, drangen in Wohnungen bekannter Nazi-Gegner ein und zeigten diesen, wer nun das Sagen habe. Zeitgleich SS in der Polizeidirektion, an deren Spitze ein Cartellbruder Hofers. Jetzt wird aufgeräumt! – In den nächsten Tagen erhielt Hofer Nachricht von der Ermordung mehrerer seiner Kollegen, auch von jener des Polizeidirektors Dr. Viktor Bentz. Hofer selbst wurde zunächst zur Abnahme von Lenkerprüfungen degradiert, im September 1938 schließlich verhaftet.
Man hatte ihm nichts vergessen: Die Entlassungswelle, die auf Grund seiner Ermittlungen nach der Flucht Bernascheks gegen Nazis im Polizei- und Justizapparat eingesetzt hatte. Die nach der Ermordung Dollfuß‘ von ihm geleitete Durchsuchung des „Braunen Hauses“ in der Linzer Goethestraße, wobei der Polizei nicht nur brisante Unterlagen über die Auslandsverbindungen der NSDAP in die Hände fielen, sondern die auch zur Aushebung von Waffenlagern geführt hatte. – Zwei Monate nach seiner Verhaftung wurde Hofer ins KZ Buchenwald verbracht. Am 1. Februar 1939 wurde er aus dem Polizeidienst entlassen.
Am selben Tag kehrte Richard Bernaschek nach Linz zurück. Seine seit dem 6. Mai 1935 bestandene Ausbürgerung wurde aufgehoben, dem Versprechen des Gauleiters von Oberdonau, August Eigruber, dass er bei seiner Rückkehr nichts zu befürchten habe, hatte er vertraut. Verhört wurde er dennoch. Nach seiner - für Bernaschek enttäuschenden - Reise nach Moskau im Sommer 1934 erhoffte man sich Aufschlüsse über militärische Einrichtungen. Aber Ignaz Mair, der verhörende Kriminalbeamte, konnte ihm weder Informationen über die Stärke der Flotte noch über Küstenverteidigungsanlagen entlocken. Arbeitsangebote, mit denen ihn die Nationalsozialisten ein letztes Mal für sich gewinnen wollten, schlug Bernaschek aus. Stattdessen half er im Radiogeschäft seines Bruders Ludwig mit.
Im Zuge einer Amnestie anlässlich Hitlers Geburtstags kam Dr. Josef Hofer am 22. April 1939 aus dem KZ Buchenwald frei. Wenn man überleben wollte, so seine Erfahrung der letzten Monate, war das herkömmliche politische Lager-Denken abzulegen. Irgendwann 1939, möglicherweise bereits nach Kriegsausbruch, begegneten einander Hofer und Bernaschek, die Gegner von einst, wieder. Patriotismus einte sie nun im Kampf gegen den Hitler-Faschismus. Hofer, der jetzt als Versicherungsagent bei der Wiener Allianz arbeitete, verhalf Bernaschek zu einer Stelle im gleichen Institut. Der Außendienst diente als Basis für die beginnende Widerstandstätigkeit, der berufliche Kontakt zu vielen Menschen als Faden, der Gleichgesinnte zu einem Netz verspann.
In der Nacht vom 8. auf den 9. August 1942 gründeten acht Männer und eine Frau in Linz die „Gegenbewegung“. In der pyramidenförmig strukturierten Widerstandsgruppe, in der wenige Personen nur ihren jeweils vorgesetzten Gruppenführer kannten, wurden über 600 Männer und Frauen aktiv. Sie gaben von „Schwarzsendern“ abgehörte Nachrichten an die Soldaten weiter, riefen zur Sabotage auf, ermutigten zur Verkomplizierung der ohnehin schon verworrenen Bürokratie. Tonnen von Lebensmittel wurden, von Vertrauensleuten beim Marktamt und der Lebensmittelpolizei als minderwertig deklariert, in Ausländerlager geschafft.
Am 12. Dezember 1942 wurde Hofer wegen angeblicher Kontakte zu Kommunisten in Salzburg verhaftet. Zu beweisen war nichts. Er kam frei, wenig später übersiedelte er nach Grieskirchen, die Verbindung zu Bernaschek brach ab.
Je häufiger Verluste von der Front gemeldet wurden, desto brutaler und raffinierter gingen die Nazis gegen den „inneren Feind“ vor. 1943 oder 44 wurde Bernaschek gewarnt, sich vor einem Mann, der ihn immer wieder versuche, für eine Tätigkeit in der Welser Widerstandsgruppe zu gewinnen, in Acht zu nehmen. Er sei zwar erfolgreich, trete gewandt auf und genieße volles Vertrauen – aber er ist ein Gestapo-Spitzel! Die Warnung kam von Ignaz Mair, jenem Kriminalbeamten, der Bernaschek nach seiner Rückkehr nach Linz verhört hatte. Wieder hatten ihn die Wirren der Zeit mit jemandem zusammengeführt, dem er Jahre zuvor unter ganz anderen Umständen begegnet war. Aber die Warnung war vergebens. Die ihn einst ködern wollten, hatten seine Verschmähungen nicht vergessen. Das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 lieferte den Vorwand für seine Verhaftung. Als die Gestapo an einem einzigen Tag im September 1944 in ganz Oberösterreich 158 Widerstandskämpfer verhaftete, war Richard Bernaschek schon im KZ Mauthausen. Am 18. April 1945 wurde er dort von SS-Oberscharführer Niedermeier ermordet.
Bernascheks einstigem Gegner und nachmaligen Weggefährten Dr. Josef Hofer gelang im Mai 1945 die kampflose Übergabe aller Gemeinden seines Heimatkreises an die Amerikaner. Er wurde wenig später Bezirkshauptmann von Grieskirchen und blieb in diesem Amt bis zu seinem Tod 1958.

Erschienen in „Wiener Zeitung“, 6./7.3.2004