Thomas Karny

Eine Grillparty wurde zur Zäsur

Niki Laudas Feuerunfall beendete die erste Epoche des Nürburgrings

Als sich die Zwanzigerjahre von den goldenen zu den krisenreichen wandelten, verfielen Politiker auf die Idee, Arbeitslose von der Straße zu holen, damit sie eine solche bauten, anstatt auf die selbe zu gehen. Das Kalkül dahinter sollte letztlich nicht ganz aufgehen, bescherte aber beispielsweise Rheinland-Pfalz den Nürburgring. Dreitausend Mann legten im Rahmen des "besonders förderungswürdigen großen Notstandsprogramms" eine Südschleife und die viel berühmtere, 22,8 Kilometer lange Nordschleife um Schloss Nürburg. Nach zweijähriger Bauzeit wurde am 18. Juni 1927 die "Erste Gebirgs-, Renn- und Prüfungsstrecke" mit einem Motorradrennen eröffnet. Tags darauf folgten die Autos, von denen ein Mercedes mit Rudolf Caracciola am Steuer als Erster die Ziellinie passierte.
Der Ring erlebte Deutschlands große Silber-Ära und von Hermann Lang 1939 einen Rundenrekord, der 17 Jahre halten sollte. Der Krieg machte aus dem Sporthotel "Tribüne" ein Lazarett und aus der Rennpiste einen Feldweg. Die Instandsetzung dauerte etwa so lang wie die Errichtung, wer am 17. August 1947 zum Eifel-Pokal-Rennen kam, erhielt für fünf Mark Wein, Brot und Wurst nebst einem Platz an der Strecke.
Als Mercedes 1954 in den GP-Sport zurückkehrte, ahnte bei seiner Deutschland-Premiere und Fangios Sieg am 1. August noch keiner der 400.000 Besucher etwas vom gleichen Tag des Jahres 1976, wiewohl der tödliche Trainingssturz des Argentiniers Onofré Marimón bereits einen unheilvollen Schatten auf den Ring warf – im fünften Jahr ihres Bestehens hatte die Fahrer-WM ihr erstes Opfer gefordert. 1968 erzwang als geradezu prophetisches Fanal ein Waldbrand den Abbruch eines Motorradrennens. Zwei Jahre später weigerten sich die GP-Piloten, auf der Nordschleife zu fahren und übersiedelten nach Hockenheim.
Ruck, zuck aufgestellte Fangzäune und Leitplanken sollten die 1971 zurückgelockten Fahrer in Sicherheit wiegen. Fünf Jahre später und ein paar Stunden nach dem Einsturz der Wiener Reichsbrücke verunglückte Niki Lauda im Streckenabschnitt Bergwerk schwer. Arturo Merzario, Brett Lunger, Guy Edwards und Harald Ertl holten den Weltmeister aus der Flammenhölle.
Die "Grillparty in der Eifel" war der Beginn des einen und das Ende des anderen Mythos. Während sich Lauda vom Sterbebett zurückkämpfte, die WM im letzten Saison-Rennen wegwarf, sie dafür im darauf folgenden Jahr um so überlegener gewann, zurücktrat und wiederkehrte, um den Titel ein drittes Mal zu holen, wurde der Ring ins Ausgedinge geschickt. Wo zu den besten Zeiten von der Rad-WM bis zum 1000-km-Rennen so ziemlich alles stattgefunden hatte, fuhren gerade noch ein paar Motorräder, nannten Unentwegte für den "Nürburgringlauf", lange bevor die ganzen und halben Marathons zur Fitness beweisenden Politshow wurden.
Aber es war die Anfangszeit der Bürgerinitiativen und "Rettet den Nürburgring" ein unmissverständlicher Imperativ, der Bund, Land, Kreis und ADAC nur die Wahl ließ, im Verein zu bekennen: "Ja zum Nürburgring". 1981 Spatenstich, drei Jahre später der erste GP auf der neuen 4,5 km langen Strecke. Als sich die Formel 1 aber schon 1986 wieder nach Hockenheim vertschüsste, baute man an der Eifel noch einmal um: neue Boxen, Tribünen und Schikanen, die Infrastruktur wurde verbessert, später kam noch ein Freizeitpark hinzu, zur Imageaufwertung erhielt der Ring Ökopreise. Die Wiedereröffnung 1995 brachte Michael Schumacher einen Heimsieg. Um Hockenheim als Austragungsort für den Deutschland-GP nicht in die Quere zu kommen, ist das Rennen am Nürburgring international, zwei Mal wurde es als GP von Luxemburg, sonst als jener von Europa ausgetragen.

Erschienen in DER STANDARD, 20.6.2001