Thomas Karny

Triumph und Tragödie

Die Erstbesteigung des Matterhorns endete in einer Katastrophe

Bereits den sechsten Sommer war Edward Whymper im Juli 1865 ins Valtournanche, einem kleinen norditalienischen Tal am Fuße der Walliser Alpen gekommen. Die Reisekosten dafür waren beträchtlich, doch sein Holzschneideratelier, das er in London betrieb, ging gut, zu schenken brauchte ihm niemand etwas. Er war 25 Jahre jung und niemandem verpflichtet. Dass er noch ungebunden war, wurde seinem distanzierten und spröden Umgang mit Menschen zugeschrieben. Mit den Frauen, so wurde ihm nachgesagt, habe er es nicht. Stärker als sie lockten ihn die Berge.
Fünf Sommer lang war Whymper an jenem Berg gescheitert, den man hier für den König der Alpen, aber für unbesteigbar hielt: dem Mont Cervin oder der Becca, wie ihn die Einheimischen ob der Unheimlichkeit, die ihn umgab, nannten. Er ist nicht der höchste Gipfel, der Monte Rosa etwa gleich daneben überragt ihn um fast 170 Meter, aber die Steinpyramide, die Ehrfurcht gebietend auf dem massigen Felsenkörper thront und ihn zur Außergewöhnlichkeit erhebt, hatte bisher allen Eroberern getrotzt. Der Beccateufel hatte sie mit Blitz und Donner davongejagt oder auf Eis und Schnee in den Abgrund geworfen. Jede missglückte Besteigung nährte den Aberglauben der Unnahbarkeit, so dass selbst erfahrene einheimische Bergführer oft großzügige Angebote ausländischer Expeditionsleiter ausschlugen: „Nein, Herr, meinetwegen jeden anderen Berg, aber nicht die Becca!“
Doch der Brite gab nichts auf Bergdämonen, sein Vorhaben war von kühlen Überlegungen geführt. Er hatte die Bücher des Horace Bénédict de Saussure studiert, der nach seiner Erstbesteigung des Mont Blanc im Jahre 1787 sich mit der Geologie des Mont Cervin auseinandergesetzt hatte, und war zu dem Schluss gekommen, dass der Berg nicht vom italienischen Süd-Westen, sondern über den Umweg des Schweizer Nord-Ost-Grates zu nehmen war. Nicht Breuil sei der Ausgangsort, sondern Zermatt! Dort, wo man den Mont Cervin Matterhorn nennt.

Warum sich Whymper nun aber doch auf der italienischen Seite aufhielt, erklärte sich daraus, dass er einen erfahrenen Führer suchte. Einen Einheimischen, der in Kenntnis um Witterung und Gefahr einen Fremden auf dessen gewünschter Route sicher hinauf brachte. In Valtournanche, dem gleichnamigen Hauptort des Tales, kannte er einen, mit dem er die letzten fünf Jahre – gemeinsam oder gegeneinander – um den Gipfelsieg gekämpft hatte: Jean Antoine Carrel. Er genoss einen außerordentlich guten Ruf und war als Führer sehr begehrt. Die später von der Touristik übernommenen Bezeichnungen „Tête du Lion“ und „La Grande Tour“ stammen von ihm.
Schon aus dem ersten gemeinsamen Sommer 1860 zeugten Initialen in einer Schieferplatte auf vorher noch nie begangener Stelle sowohl von Kameradschaft als auch von Konkurrenz. Der italienische Führer ritzte zwar als Erster Buchstaben, Kreuz, Datum und Tiara ein, doch der einige Minuten später nachgefolgte Whymper stieg um eine Spur höher und gravierte sein E.W. zwar in die gleiche Platte, aber oberhalb von Carrels Insignien.
Nun sollte sie eine gemeinsame Seilschaft an den Gipfel bringen. Carrel willigte ein. In zwei Tagen Abmarsch in Breuil, tags darauf Theoduljoch, am dritten Tag Matterhorn über den Schweizer Grat.
Es kam nicht dazu. Am 11. Juli war Carrel in aller Früh mit sechs Mann nach dem Mont Cervin aufgebrochen. Der vermeintliche Freund hatte sich an Quintino Sella, den piemontesischen Finanzminister verkauft. Italienisches Geld sollte einem Italiener zum Sieg über die Becca verhelfen und Breuil zum bekanntesten Ort am Mont Cervin machen. Neben dem Schmerz des Verrats mußte Whymper auch die Einsamkeit des Zurückgebliebenen erleiden. Denn der finanzkräftige Sponsor hatte alle Valtournancher Führer in seinen Sold gestellt. Wer nun in Breuil nach einer wagemutigen Begleitung suchte, tat dies vergebens.

Doch in der Stunde der schmerzhaftesten Demütigung linderte das Schicksal die Qualen von Whympers Schmach. Der abenteuerlustige Lord Douglas, der im selben Hotel wie sein Landsmann Whymper Quartier bezogen hatte, zeigte sich beeindruckt von dessen Nord-Ost-Route und schloss sich ihm an. Außerdem stellte Douglas durch Peter Taugwalder Sohn, der ihn in den letzten Tagen von Zermatt aus auf den Kletterpartien begleitet hatte, für Whymper eine Verbindung zu einer der angesehensten Führerfamilien des Wallis her. Ein Handschlag, eine Zusage unter Gentlemen. Am nächsten Tag ging’s zurück nach Zermatt. In der Kapelle am Schwarzsee hatte Whymper seine Ausrüstung zurückgelassen, so dass man für den ersten Teil des baldigen Wiederaufstiegs Lasten und Kraft sparen könne.
Nachdem Whymper in Zermatt mit Peter Taugwalder Vater und seinen beiden Söhnen handelseins geworden war, spielte ihm im Hotel „Monte Rosa“ die Gunst des Augenblicks ein weiteres Mal gute, ja beste Männer zu. Beim Abendessen saß Reverend Charles Hudson am selben Tisch wie Whymper und Douglas. Hudson beabsichtigte mit Michael Croz, einem Führer aus Chamonix von bestem Ruf, am nächsten Tag das Matterhorn ebenfalls über den Nord-Ost-Grat zu erreichen. Unter der umsichtigen Regie des Hotelbesitzers Alexander Seiler kam ein Gespräch in Gang, in dessen Verlauf Hudson und Whymper von Konkurrenten zu Partnern wurden und ihre jeweiligen Seilschaften zu einer gemeinsamen verschmolzen. Hinter Seilers Unterstützung freilich verbarg sich Geschäftssinn: Hudson, der zehn Jahre zuvor als Erster den Monte Rosa bestiegen und in der Einsamkeit der Alpen eine Schule für Sprösslinge reicher Eltern errichtet hatte, war ein ausgezeichneter Bergsteiger, gewiss. Trotzdem konnte es nicht schaden, wenn man ihm den ehrgeizigen Tüftler Whymper zur Seite stellte. Zu zweit würden sie den Gipfel schon schaffen. Die Pläne für ein großes „Hotel Matterhorn“ hatte Seiler schon bereit, was noch fehlte, war der Gipfelsieg. Er wollte das halbe Zermatter Tal nicht umsonst gekauft haben.
Während Seiler Soll und Haben dieser Unternehmung abwägte, tat dies Whymper nach seinen Kriterien. Der junge Mann, der neben Hudson saß und gemeinsam mit ihnen das Abendessen einnahm, erregte sein Missfallen. Und geradeheraus sagte er, dass er diesen Jüngling für ein Sicherheitsrisiko halte. Der gehöre nicht zu einer Truppe, die zum ersten Mal das Matterhorn besteige. Das ginge über seine Kräfte! Doch der Reverend, wohl seine Schule im Sinn, deren Ansehen durch eine Großtat eines seiner Schutzbefohlenen gesteigert werden könne, argumentierte mit dem pädagogischen Wert dieser Herausforderung und beharrte: Robert Hadow geht mit.

Am nächsten Morgen zog die Truppe aus Zermatt, zwei volle Tage hinter den Italienern, los. Am Schwarzsee wurde die am Vortag in der Kapelle zwischengelagerte Ausrüstung Whympers auf die Träger verteilt. Das Zelt nahm man zu einer Zeit, als das Nächtigen unter freiem Himmel für einheimische Bergsteiger auch in extremer Höhe eine Selbstverständlichkeit war, als notwendiges Übel in Kauf und das Höhenmessgerät als eine Marotte Whympers hin. An der Gesamtlänge der Seile, etwa 170 Meter verschiedener Stärken, schieden sich die Geister, aber Whymper bestand auf der Mitnahme. Bei den Steigeisen jedoch reichte sein Durchsetzungsvermögen nicht aus. Dieses Utensil war noch zu neu, sein Sicherheitswert noch nicht erkannt. Selbst erfahrene Führer wie Croz lehnten es als „zu schwer“ ab.
Am ersten Tag kam man 3300 Meter hoch. Am nächsten Morgen setzten sieben Mann, nachdem der jüngere Sohn Taugwalders mit dem Zelt abgestiegen war, ihren Aufstieg fort. Um 6 Uhr 20 las Whymper anhand seines Barometers 3900 Meter Höhe ab, knapp vier Stunden später 4200 Meter. Bis auf eine solche Höhe war schon mancher gekommen. Auf den letzten 300 Metern aber lockte die Herausforderung, mußte die Bewährung bestanden und die Natur bezwungen werden. Croz ging voran, öffnete mit langem Pickelschlag Handhöhlen und Fußlöcher im blanken Eis. Spürte Felsenbänder auf, stellenweise nicht breiter als ein Daumen, ertastete kleinste Unebenheiten, die ein Halt sein könnten. Die sechs am Seil hinter ihm kamen gut mit – nur einer nicht: der junge Hadow. Erschöpft war sein Geist und kraftlos der Körper, zwischen den beiden Taugwalders hing er, vom jungen gezogen, vom alten geschoben.
Dennoch: Am frühen Nachmittag des 14. Juli 1865 waren sie, Croz und Whymper als Erste, am Schweizer Gipfel. Nach der ersten Freude die bange Frage: Wo ist Carrel? Eine zweite Jagd hetzte Croz und Whymper zum italienischen Gipfel. Der Blick über den Südhang – ein Triumph für die einen, eine Demütigung für die anderen. Zweihundert Meter weiter unten kämpften sich Carrel und seine Leute gipfelwärts. Schauriges Gebrüll verhöhnte sie, vom Gipfel losgetretene Steinblöcke zwangen sie zur Umkehr. Zermatt hatte über Breuil gewonnen, der Verratene sich am Verräter gerächt.
Eine Stunde lang genoss die Gruppe das Gipfelglück. Für den Abstieg bestimmte Whymper selbst die Reihenfolge. Croz, als der Kräftigste, ging voran, gefolgt vom Schwächsten, Hadow. Als dritter folgte der sichere Hudson, hinter ihm Douglas. Sie einte ein starkes, vom britischen Alpen-Club entwickeltes Seil. Als fünfter verband sich Taugwalder Vater mittels eines dünnen Hanfseiles älterer Fabrikation mit seinen vier Kameraden. Ein stärkeres Manilaseil ließ er seinem Sohn und Whymper, der noch damit beschäftigt war, Zeichenskizzen vom Gipfel anzufertigen und vom Ausblick, den man von ihm genoss, zurück.
Der Abstieg entwickelte sich zunächst rasch und sicher. Kurz vor Erreichen der vereisten, sonnenlosen Nordplatte vereinten sich die sieben Männer zu einer einzigen Seilschaft. Die beiden starken Seile verbanden vorn Croz, Hadow, Hudson und Douglas, hinten Whymper und die beiden Taugwalder. Die Verbindung zwischen Taugwalder Vater und Douglas bildete das dünne Hanfseil.
Zur Überwindung der vereisten Platte bewegte sich nur jeweils ein Mann vorwärts, während die übrigen im festen Stand sicherten. Croz schritt etwa fünf Meter vor, Hadow sollte folgen. Aber der Junge, abgekämpft und unsicher, versagte. Croz schlug seinen Eispickel ein, kletterte zurück, fasste mit seinen Händen Hadow an den Beinen und setzte dessen Füße Tritt für Tritt an die richtige Stelle. Als sich Croz umdrehte, um seinerseits die nächsten Schritte vorwärts zu tun, glitt Hadow ab. Er traf Croz hart im Kreuz, der verlor den Stand und rutschte mit dem Jungen kopfüber die Platte hinunter. Der Ruck des Seiles riss wenig später Hudson hinab, nach ihm Douglas. Taugwalder Vater, der auf schneefreier Stelle unter einem Überhang den sichersten Stand hatte, warf das Seil um einen Felsen und verhinderte ein weiteres Abgleiten seiner Kameraden. Für einen Augenblick bestand Hoffnung. Auf der zwar glatten, aber nicht allzu steilen Platte könnte den vieren von oben her geholfen werden, wieder Tritt zu fassen. Stück für Stück hievten die beiden Taugwalder und Whymper im sicheren Stand ihre Kameraden zurück. Einen, vielleicht zwei Meter musste Lord Douglas noch zurückgehoben werden, um als erster der Viererseilschaft eine der von oben entgegenstreckten und für sich und seine Kameraden Rettung verheißenden Hände zu erfassen,
Da riss das Seil zwischen Taugwalder und Douglas. Aussichtslos, einen Halt zu finden, rutschten die vier Männer über die Platte, wurden über die letzte Kante geschleudert und zerschmetterten tausend Meter tiefer auf dem Gletscher des Matterhorns.
Erst am nächsten Morgen trafen Whymper und die beiden Taugwalder im „Monte Rosa“ ein. In Zermatt war die Freude über den Gipfelsieg unter dem Leichentuch der Tragödie erstickt. Bald machten böse Gerüchte die Runde, wonach Whymper und Taugwalder Vater das Seil durchschnitten haben sollen, um sich den Gipfelsieg nicht mit Croz teilen zu müssen. Erst gerichtliche Untersuchungen bereiteten diesen Vorwürfen ein Ende.
Die Erstbesteigung des Matterhorns war ein Kampf, in dem wirtschaftliche Interessen, nationaler Stolz und persönliche Eitelkeit gegeneinander fochten. Als Einzigem die Rechnung aufgegangen war Alexander Seiler, der es in der Folge geschickt verstand, in Zermatt, der alsbald ersten Adresse für die Matterhorn-Bergsteiger, ein Hotelimperium zu errichten, dessen Nächtigungszahlen in schwindelerregende Höhen wuchsen.
Es dauerte neun Jahre, ehe der Schmerz des Verrates erloschen und Whymper als sichtbares Zeichen der Versöhung gemeinsam mit Carrel auf den Gipfel gestiegen war.

Erschienen in "Wiener Zeitung", 1./2.9.2000