Thomas Karny

Stalins Topspionin

Ruth Werner (1907 – 2000) unterstützte chinesische Partisanen, arbeitete für die "Rote Kapelle" und verhalf den Sowjets zur Atombombe.

Am 9. November 1989 war vielen Ostdeutschen noch nicht wirklich klar, in welchem Ausmaß das, was sie nun erlebten, ihr politisches und gesellschaftliches Leben verändern würde. Bevor die Berliner Mauer tatsächlich abgetragen wurde, war schon die Metapher des „Mauerfalls“ in die Welt gesetzt, die wiederum eine zweite gebar, nämlich jene der „Wende“. Zu ihr wird allgemein die Entfernung des starren Korsetts jahrzehntelanger Diktatur assoziiert, was ein tiefes Durchatmen in dem sich nun so schnell eröffneten Paradies der Freiheit und Konsumfreude erlaubte.
Dass hinter den grell glitzernden Fassaden der Shopping Malls bald schon das Raubtier des Neoliberalismus hervorkriechen würde, der als Tribut an die neue Gesellschaftsordnung die sozialistischen Werte Arbeitsplatzsicherheit, Solidarität und Orientierung einforderte, wollte zu jenem Zeitpunkt noch kaum wer wahrhaben. Schließlich hatte man die Befreiung vom Stasi-Regime und die Freiheit des Konsums dank eines starken Bruderlandes und eines guten Wechselkurses soeben im Sonderangebot erstanden.
Am 10. November rief die Wenderegierung unter Egon Krenz zu einer Kundgebung in den Berliner Lustgarten, wo eine zwar schon über achtzigjährige, jedoch sehr resolute Dame auftrat, die das Banner ihrer Weltanschauung stolz gegen den Sturm des Zeitgeists hielt: „Ich habe gesagt, wenn du in den Parteiapparat gehst, kriegst du entweder Magengeschwüre, oder du brichst dir den Hals, oder du verfällst dem Gift der Macht. Heute sage ich nach den Veränderungen, die sich anbahnen, nach dem Wandel, der vor sich gegangen ist: Geht in den Apparat! Ändert die Zukunft! Arbeitet als saubere Sozialisten! Ich hab Mut! Ich hab Optimismus!“
Die Dame war allgemein unter dem Namen Ruth Werner bekannt, zählte zu Stalins Topspionen und genoss in der DDR hohe Reputation. Geboren wurde sie am 15. Mai 1907 in Berlin als Ursula Ruth Kuczynski und war das zweite von sechs Kindern des angesehenen jüdischen Ökonomen Robert René Kuczynski und seiner Frau Berta. Das Elternhaus war großbürgerlich und links orientiert. Kuczynski war Vorsitzender jenes Ausschusses, der 1926 den Volksentscheid gegen die Abfindung der Fürsten organisiert hatte. Er leitete gemeinsam mit Johannes R. Becher und Käthe Kollwitz die Delegation anlässlich des 10. Jahrstages der russischen Revolution am 7. November 1927. Als Mitglied der Internationalen Arbeiterhilfe errechnete er monatlich ein Existenzminimum, das von den Gewerkschaften als Basis für Lohnverhandlungen herangezogen wurde.
Politisch derart geprägt, trat Ruth Werner als Jugendliche der Kommunistischen Partei bei und schrieb alsbald für die „Rote Fahne“. Die Teilnahme an einem 1.-Mai-Aufmarsch kostete sie die Lehrstelle als Buchhändlerin. Dass sie mit einer Parabellum im Grunewald Schießübungen durchführte, brachte ihr innerparteiliche Anerkennung und beförderte sie mit bereits 19 Jahren zur Agitpropleiterin von Berlin/Zehlendorf.
1930 ging sie mit ihrem Mann Rolf Hamburger, einem jungen Architekten, nach Shanghai. Der dortige Bauboom benötigte qualifizierte Arbeitskräfte, ein Freund Hamburgers hatte die Stelle vermittelt. Die von Kunst, Kultur und exotischer Schönheit gezeichnete Vorstellung vom Fernen Osten kollidierte mit den herrschenden Verhältnissen. „Bettler prägen das Stadtbild, klagende Invaliden mit Arm- und Beinstümpfen, Kinder mit eiternden Wunden, manche blind, manche haarlos und mit verkrusteten Köpfen“, schreibt sie in einem Brief an ihre Eltern. Jährlich wurden 30.000 Hungertote von Shanghais Straßen entsorgt. In zynischem Kontrast dazu standen die Partys der europäischen Geschäftsleute, die sich meist seichten Vergnügungen wie Hunderennen, Bridge oder dem Kino hingaben. Ihre Ehefrauen verachtete Werner als „absolute Luxustierchen ohne wissenschaftliche oder künstlerische Interessen“. Diese Verhältnisse veranlassten die überzeugte Kommunistin zu einem radikalen Schritt.
Sie ließ sich vom sowjetischen militärischen Geheimdienst (GRU) anwerben und arbeitete für Richard Sorge, der später nach Japan entsandt wurde und durch die Übermittlung kriegsentscheidender Informationen zum sowjetischen Meisterspion aufstieg. In seinem Auftrag hielt sie Kontakt zu chinesischen Kommunisten, die vor Tschian Kai-Scheks Schergen untertauchen mussten, lagerte Waffen und stellte ihr Haus für geheime Treffen zur Verfügung.
Im Februar 1931 gebar Werner ihren Sohn Michael. Zwei Jahre später musste sie ihn der Obhut ihrer mittlerweile in der Tschechoslowakei lebenden Schwiegereltern anvertrauen, da sie für eine längere Agentenausbildung nach Moskau beordert wurde. Von der pulsierenden Metropole des Arbeiter- und Bauernstaates war sie fasziniert. Die Tatsache, dass in den Dörfern sechs Millionen Menschen verhungerten, zerstampfte der Marschtritt der „Internationale“. Die Mandschurei, die seit 1931 von Japan okkupiert war, lag scheinbar näher als jede sowjetische Provinz. Der Unterstützung des dortigen Partisanenkampfes galt die Ausbildung im Arbat, der Dienststelle des GRU. Werner lernte jenes Handwerk, in dem sie unübertroffen bleiben sollte: das Morsen.
Es war ein höchst unstetes Leben, das Werner unter dem Decknamen „Sonja“ von nun an führte. Der Einsatz in der Mandschurei musste 1935 abrupt abgebrochen werden, nachdem die Enttarnung drohte. Mit ihrem Führungsoffizier Ernst hatte sie eine Romanze, die zu ihrer zweiten Schwangerschaft führte. Großmütig erkannte ihr Ehemann Nina als seine Tochter an. 1936 siedelte die Familie Werner-Hamburger nach Polen über, zwei Jahre später zog Werner mit ihren beiden Kindern in die Schweiz. Die Ehe zwischen Ruth und Rolf zerbrach. Erstmals schien sich Werner Gedanken um das Wohlergehen ihrer Kinder zu machen: „Meine Kinder zogen von Land zu Land und kamen nie richtig zur Ruhe. Micha hatte bereits mit sieben Jahren Shanghai, Peking, Mukden, Warschau, Danzig, Zakopane, die Tschechoslowakei und England zum Wohnort gehabt. Für seine Entwicklung wäre ein fester Heimatort, in dem er Wurzeln hätte schlagen können, besser gewesen.“ Im Sommer 1937 war sie von der Sowjetunion mit dem Rotbannerorden ausgezeichnet worden. Ohne je eine Uniform getragen zu haben, bekleidete sie den Rang eines Obersten.
In der Schweiz rekrutierte sie Gruppen für den Einsatz in Deutschland. Sie setzte den Briten Allan Foote, der wegen seines ruhmreichen Einsatzes im spanischen Bürgerkrieg von der Moskauer Zentrale empfohlen wurde, auf die Messerschmitt-Werke an. Sein Landsmann Len Beurton sollte Kontakt zu den IG-Farben herstellen. Sie kooperierte mit dem Ungarn Sandór Radó, der in Genf das „Geo-Pressbüro“ leitete und zu den wichtigsten Kontaktleuten im europaweiten Agentennetzwerk der „Roten Kapelle“ zählte. Das Münchner Abkommen, das die Tschechoslowakei an Hitler-Deutschland auslieferte, und der Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin sorgten bei Werner und ihren Genossen für tiefe Irritation, ehe am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen der 2. Weltkrieg losbrach. Werners Haus im Gebirgsort Caux, drei Wanderstunden hoch über Genf gelegen, wurde zum unermüdlichen Sendeposten der „Roten Kapelle“. Werner morste schnell und fehlerfrei. Ihr Sender wurde niemals entdeckt, ihr Code ist bis heute nicht dechiffriert.
1940 zog Werner mit Len Beurton, ihrem nunmehr zweiten Ehemann und Vater ihres Sohnes Peter, nach England in die Nähe von Oxford, wohin auch ihre Eltern und die Geschwister emigriert waren. Der Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ am 22. Juni 1941 überraschte nicht nur die Agentin hinsichtlich der mangelnden Defensiv-Vorbereitungen seitens der Sowjetunion. Denn das Agentennetz hatte gut gearbeitet, auf den Tag genau war der deutsche Überfall von Radó und Richard Sorge vorhergesagt worden. Doch Stalin hatte alle Warnungen ignoriert, 20 Millionen Russen werden ihr Leben am Schlachtfeld des 2. Weltkriegs lassen.
Unterdessen arbeitete Werner an ihrem größten Coup. Ihr Bruder Jürgen Kuczynski, später hoch angesehener Ökonom und streitbares ZK-Mitglied der SED, hatte Ende 1942 den Kernphysiker Klaus Fuchs als sowjetischen Spion rekrutiert. Über zwei Jahre hindurch lieferte er Informationen über das amerikanisch-britische Atombombenprogramm an Ruth Werner. 1949 zündeten die Sowjets ihre erste Atombombe. Den Stellenwert ihrer Arbeit, der der Sowjetunion die Egalisierung des westlichen Wissensvorsprungs ermöglichte, spielte Werner stets herunter: „Ich arbeitete ja bloß als Kurier.“
Als Fuchs 1950 verhaftet wurde, floh Werner in die DDR. Da hatte Allan Foote bereits die Seiten gewechselt und arbeitete nun für einen westlichen Geheimdienst. Da war Ernst, der Vater ihrer Tochter, schon nach Südamerika ausgewandert. Sie wird zu ihm auch dreißig Jahre später keinen Kontakt aufnehmen, als sie erfährt, dass er todkrank ist. Vom „Amt für Information“, wo Werner nach Ende ihrer Agententätigkeit eine Anstellung gefunden hatte, wurde sie gefeuert, nachdem sie vergessen hatte, einen Tresor abzusperren. Ausgerechnet der ehemaligen Topagentin wurde „ungenügende Wachsamkeit“ zum Verhängnis. Fortan arbeitete sie als Autorin, ihre 1977 erschienene Autobiographie „Sonjas Rapport“ wurde zum Bestseller.
Den Hinauswurf hatte sie nie verwunden, anderes hingegen nüchtern akzeptiert: Etwa, dass fast alle ihre Führungsoffiziere Stalins Säuberungen zum Opfer gefallen waren. Dass Richard Sorge von den Japanern gehenkt wurde, nachdem Stalin einen Gefangenenaustausch seines Spitzenagenten abgelehnt hatte. Dass Sandór Radó für viele Jahre in einen GULAG verschwunden war. Für die am XX. Parteitag 1956 aufgedeckten Verbrechen Stalins hatte sie eine dürre Erklärung parat: „Es war nicht immer leicht, zwischen Fehlern ehrlicher Genossen und Taten des imperialistischen Gegners zu unterscheiden. Bei so vielen Schuldigen konnte es schon geschehen, dass auch Unschuldige mit betroffen waren.“
Sie hatte ihre besten Jahre in den Dienst des Kommunismus gestellt, ihm eine Ehe geopfert, ihre Kinder immer hinter die Pflicht gegenüber der Partei gestellt. Bis zuletzt trug sie schwer am Untergang der von ihr als ideal erachteten Gesellschaftsordnung, ihr im November 1989 versprühter Optimismus war einer tiefen Bitternis gewichen. Wenige Monate vor ihrem Tod am 7. Juli 2000 sagte sie in einem Fernsehinterview: „Die so genannte Wende wirkt sich nicht auf meine Weltanschauung aus. Aber es macht sich eine gewisse Hoffnungslosigkeit breit, wie ich sie vorher noch nie gehabt habe.“

Erschienen in "Wiener Zeitung", 11.5.2007