Thomas Karny

Rauer Kontraalt mit rollendem "R"

Ein schwedisches Revuegirl wird zum Superstar des deutschen Films. Zarah Leander – ein Leben zwischen Verehrung und Ächtung.

Am 1. September 1936 erlebte das „Theater an der Wien“ mit der Uraufführung der Operette „Axel an der Himmelstür“ einen denkwürdigen Abend. Die Wiedereröffnung des für eineinhalb Jahre geschlossen gewesenen Hauses war nicht zuletzt durch die Anwesenheit höchster Repräsentanten aus Gesellschaft und Politik bis hinauf zu Bundeskanzler Kurt Schuschnigg ein gesellschaftliches Spitzenereignis. Die kreativen Köpfe hinter dem aktuellen Stück waren angesehene Theaterleute, die wegen der veränderten politischen Situation aus Deutschland in das – noch sichere - Österreich exiliert waren. Die männliche Hauptrolle spielte Max Hansen, den die zeitgenössische Kritik den „kleinen Caruso“ nannte und der wegen jüdischer Vorfahren und nach einem Spottlied auf Hitlers angebliche Homosexualität („War’n Sie schon mal in mich verliebt?“) 1933 Deutschland verlassen musste. Paul Morgan, der am Textbuch mitgearbeitet hatte, zwang ein regimekritisches Kabarettprogramm zur Flucht. Der Komponist Ralph Benatzky, der 1930 mit seiner in Berlin uraufgeführten Operette „Im weißen Rössl“ einen großen Erfolg gefeiert hatte, kehrte Deutschland ebenso aus rassischen Gründen den Rücken wie der Regisseur Arthur Hellmer, der ehemals das „Neue Theater“ in Frankfurt geleitet und nun das „Theater an der Wien“ übernommen hatte.
Die Sensation des Abends jedoch war jene Schauspielerin, die die weibliche Hauptrolle der Gloria Mills, einer Persiflage auf Greta Garbo, besetzte. Eine groß gewachsene Frau mit flammend rötlichem Haar und grün geschminkten Lidern schmetterte mit dunkler Stimme das Chanson „Ich bin ein Star, ein großer Star mit allen Launen!“ in den Saal und ließ einen Zeitgenossen notierten: „Die Menschen horchten auf, setzten sich kerzengerade in ihren Sesseln zurecht. Was war denn das? Eine Primadonna, die kein Sopran war, nicht einmal ein Alt? Die ersten fünf Minuten waren ein einziges allgemeines Abwarten, aber allmählich begriff man, dass dies etwas völlig Ungewöhnliches und Wertvolles war und vor allem, dass dort eine Künstlerin auf der Bühne stand.“
Zarah Leander, einer jenseits ihrer schwedischen Heimat bislang wenig bekannten Schauspielerin, lag an diesem Abend ein ganzes Theater zu Füßen. Die Kritik jubelte, selbst Franz Lehár gratulierte. Nicht weniger als 62-mal, berichtete der Korrespondent des „Svenska Dagbladet“, wurde sie von einem enthusiasmierten Publikum herausgerufen. Ihr Name wurde nun in alle Welt getragen. „Die Leander“, so schreibt ihre Biografin Jutta Jacobi, erlebte ihre Geburtsstunde in Wien. Hier begann die Transformation von einem Revuegirl zum Superstar des Films.
Am 15. März 1907 als Sara Stina im schwedischen Karlstad geboren, war sie die einzige Tochter der fünfköpfigen Kinderschar von Matilda Ulrika und dem Instrumentenbauer und Grundstückmakler Anders Lorentz Hedberg. Ab ihrem vierten Lebensjahr erhielt sie Violin- und Klavierunterricht, mit sechs nahm sie an einem Chopin-Wettbewerb teil. Als heranwachsender Teenager litt Sara unter ihrer Körperlänge, ihren großen Füßen und ihrer immer tiefer werdenden, als ganz und gar unweiblich empfundenen Stimme. Dass eine Freundin ihrer Mutter sie 1924 für zwei Jahre in der lettischen Hauptstadt Riga bei sich aufnahm, erwies sich als Glücksfall. Nach Schweden kehrte sie als selbstbewusste junge Frau zurück, die auch die gescheiterten Bewerbungen um Aufnahme an der renommierten Schauspielschule „Kungliga Dramatiska Teatret“ und der Stockholmer Oper an ihrem Talent nicht zweifeln ließen.
1929 nahm sie der schwedische Revuekönig Ernst Rolf unter Vertrag. Da hatte die junge Frau nicht nur ihr „Sara“ zur etwas herber klingenden „Zarah“ moduliert, sie hatte auch den Namen ihres geschiedenen Mannes und Vaters ihrer zwei Kinder, des Schauspielers Nils Leander, beibehalten. Ihre Macht war ihre Stimme: ein erotischer, rauchig-rauer Kontraalt mit rollendem „R“. Bis 1936 drehte sie drei Filme und nahm achtzig Lieder auf. Sie galt als knallharte Geschäftsfrau, was sie nicht ohne Stolz konstatierte: „Ich habe Mannsleute unter den Tisch getrunken und ihnen beim Pokern das Hemd vom Leib gespielt. Ich habe mit harten Männern harte Geschäfte gemacht und bin dabei nur selten übers Ohr gehauen worden.“
Da überraschte es, dass sie sich für das finanziell völlig unlukrative Engagement in Wien entschieden hatte. Und dies ohne Absprache mit ihrem Manager und Gatten in zweiter Ehe, Vidar Forsell, Sohn des Intendanten der Stockholmer Oper. Ebenso spontan hatte sie ein paar Jahre zuvor die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit Max Reinhardt ausgeschlagen. Doch die „Glasveranda in Grinzing mit Frühstück“ tauschte das Ehepaar Leander-Forsell bald mit einer Luxussuite im Hotel Imperial. Leander sagte einer weiteren Kooperation mit Hellmer ab und drehte stattdessen in Wien ihren ersten deutschsprachigen Film, „Premiere“. Am 28. Oktober 1936 unterzeichnete sie einen Vertrag mit der UFA.
Vorbei die Zeiten, als man der Einladung zum Herbstball des Tenors Richard Tauber mangels passender Garderobe absagen musste. Zarah Leander wird zum bestbezahlten Filmstar Deutschlands und mit jährlich 150.000 Reichsmark doppelt soviel verdienen wie Gustaf Gründgens oder Heinz Rühmann. Ein spezieller Passus sicherte ihr den Großteil des Honorars in schwedischen Kronen zu. Ihre 1937 und 1938 gedrehten Filme „Zu neuen Ufern“, „La Habanera“ und „Heimat“ erhielten teils mäßige Kritiken, spielten aber ein Vermögen ein. In der „Schweizer Film-Zeitung“ führte Leander das Ranking der beliebtesten Filmschauspielerinnen vor Jeanette MacDonald und Greta Garbo an. NS-Propagandachef Joseph Goebbels, der anfangs Vorbehalte gegen Leanders Verpflichtung hatte, musste sich eingestehen, dass die Schwedin die aus den USA nicht zur Rückkehr zu bewegen gewesene Marlene Dietrich hervorragend ersetzte. Dass die frivole, kettenrauchende, dem Alkohol wie Männern gleichermaßen zugeneigte Diva in keinster Weise dem nationalsozialistischen Frauenbild entsprach, spielte keine Rolle. Freizügig gestand sie: „Die Tatsache, dass ich mit Männern aufgewachsen bin, hat mir den erotischen Appetit nicht verdorben, im Gegenteil!“ Auch ihr Mitte der Dreißigerjahre gesungenes Nazi-kritisches Couplet „Im Schatten des Stiefels“, das Karl Gerhard für sie getextet hatte, geriet ihr nicht zum Nachteil.
Nun sang sie Wunschkonzerte für die Wehrmacht und gab den Soldaten Autogrammstunden. „Davon geht die Welt nicht unter“ wurde zum Durchhalteschlager der deutschen Schützengräben. Die Nazis hofierten sie, und sie nützte die Verbindungen zu ihnen geschickt. Sie entschuldigte das später damit, ein „politischer Idiot“ gewesen zu sein. Der Kritik, ein „Schandfleck Schwedens“ zu sein, stand sie fassungslos gegenüber.
Hatte sie nicht Bruno Balz, der den Text von „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ in Gestapo-Haft geschrieben hatte, vor der Verschickung ins KZ gerettet, weil sie ihn für den Film „Die große Liebe“ (1942) anforderte? War es nicht ihr riesiges Gut auf Lönö gewesen, das während des Krieges baltischen Flüchtlingen, die in offenen Booten über die Ostsee gekommen waren, Asyl bot? Hatte sie nicht während der Dreharbeiten zu ihrem letzten UFA-Film „Damals“ im Herbst 1942 Goebbels’ Angebot der Einbürgerung mitsamt den Benefits einer fürstlichen Leibrente, eines ansehnlichen Anwesens und der Ehrung zur Staatsschauspielerin abgelehnt und war stattdessen nach Schweden zurückgekehrt?
Ihr Freund Karl Gerhard, der sie stets vor den Angriffen, eine Nationalsozialistin gewesen zu sein, in Schutz genommen hatte, organisierte für den unter Druck geratenen Star eine Pressekonferenz. Was als Entlastung Leanders gedacht war, geriet zum Fiasko, als die in Ungnade gefallene Diva meinte: „Wo steht denn geschrieben, dass ausgerechnet Künstler etwas von Politik verstehen müssen?“
Sie mochte sich in der Glamourwelt des von der Realität abgehobenen Showbusiness bewegen, aber konnten ihr wirklich Schicksale aus ihrer unmittelbaren Umgebung, nämlich jener ihrer Kollegen aus der Wiener Zeit, verborgen geblieben sein? Dass Hellmer und Benatzky in die USA emigrieren mussten? Dass Hansen nur mehr in Dänemark arbeiten konnte? Dass Paul Morgan bereits im Dezember 1938 im KZ Buchenwald ermordet worden war? Der Vorwurf, sie hätte sich von sich aus und aus politischer Überzeugung für Hitler-Deutschland engagiert, geht ins Leere. Aber sie hatte sich diesem Engagement auch nicht widersetzt, sie ließ es aus finanziellen Gründen und für den Ruhm des Augenblicks geschehen. Im besten Fall kann man ihr Naivität vorhalten.
Noch Jahre nach dem Krieg wollte sie in ihrer Heimat niemand hören, in Deutschland und Österreich hatte sie zunächst Auftrittsverbot. Der Genfer Rundfunk verhalf ihr 1947 zum Comeback und brachte Leanders Karriere noch einmal in Schwung. Mit ihrem dritten Ehemann, dem Kapellmeister Arne Hülphers, bestritt sie erfolgreiche Tourneen. Bald nahm sie wieder Lieder auf und drehte an der Seite von O. W. Fischer, Willi Forst und Toni Sailer kommerziell erfolgreiche Filme.
In der Rolle der abenteuerlustigen Helène in der Operette „Madame Scandaleuse“ feierte Leander am 5. September 1958 am Raimundtheater mit dem Wiener Publikum ein Wiedersehen. Die Aufführung wurde ein Fest, Wien zur „Insel des Divenglücks“. Als die großen Zeiten auf der Bühne vorbei waren, nahm sie Engagements für Kaffeehausfahrten an. Zur Rheumadecke gab’s die Leander. Viele ihrer Fans fanden das würdelos. Doch zu groß war ihre Sehnsucht nach dem Beifall des Publikums, als dass sie selbst solch zweifelhaften Angeboten widerstanden hätte. 1975 trat sie einmal noch dort auf, wo ihre internationale Karriere begonnen hatte: Im „Theater an der Wien“ als Madame Armfeldt in „Das Lächeln einer Sommernacht“. Hilde Spiel bescheinigte in der „FAZ“ der gealterten Diva „spürbare Kompetenz und Präsenz“. Doch der Raubbau am Körper und ein dichtes Programm forderten ihren Tribut. Im Frühjahr 1975 kollabierte sie während der Vorstellung, 1978 erlitt sie den ersten Schlaganfall. Im Rollstuhl gab sie ihren vollständigen Rückzug von der Bühne bekannt. Am 23. Juni 1981 starb Zarah Leander an den Folgen einer Gehirnblutung.

Erschienen in "Wiener Zeitung", 10./11.3.2007