Thomas Karny

Barbarei und Raumfahrt

Anmerkungen zu Wernher von Braun

Bereits zum dritten Mal binnen vier Monaten wurde am 3. Oktober 1942 auf dem Prüfstand VII am Heeres-Versuchsgelände von Peenemünde eine Rakete, die den nüchternen Namen Aggregat 4 trug, in Abschussposition gebracht. Die technischen Probleme, an denen die beiden voran gegangenen Startversuche im Juni und August gescheitert waren, hatte man mittlerweile in den Griff bekommen. Um 15.40 Uhr hob das 14 Meter lange A4 von der Startrampe ab, stieg mit 5400 Stundenkilometern auf eine Höhe von 85.000 Metern und stürzte 192 Kilometer vom Ufer entfernt in die Ostsee. In einer kleinen Feier mit seinen engsten Mitarbeitern meinte der militärische Leiter von Peenemünde, Oberst Walter Dornberger, anlässlich des erfolgreichen Erstfluges: "Wir haben mit unserer Rakete den Weltraum zum ersten Mal als Brücke zwischen zwei Punkten auf der Erde benutzt. Der heutige Tag ist der erste eines Zeitalters neuer Verkehrstechnik, dem der Raumschifffahrt." Zwei Jahre später wird diese Brücke zwischen zwei Punkten eine Parabel sein, auf der die deutschen "Vergeltungswaffen" 1 und 2 (V1 und V2) ihre Ziele vor allem in England und im Raum Antwerpen, wo der alliierte Nachschub eintrifft, anfliegen und ihre tödliche Last von jeweils bis zu 1000 Kilogramm Sprengstoff zur Explosion bringen werden. Das Zeitalter einer neuen Verkehrstechnik wird 27 Jahre später seinen spektakulären Höhepunkt erreichen, wenn die Apollo 11 am 20. Juli 1969 zum ersten Mal Menschen auf den Mond bringt.
An beiden Projekten Feder führend beteiligt war ein deutscher Wissenschaftler, dessen Name für die einen zum Mythos und für die anderen zu einem Synonym für – in ihrer Profession zweifellos hochbegabte – Karrieristen geworden ist, die die Einzigartigkeit der Arbeitsbedingungen, die das 3. Reich durch Zwangsarbeit von Ausländern und KZ-Häftlingen bot, als Sprungbrett in den Glanz der Nachkriegszeit nutzten, hinter dem die Schatten des Krieges verblassten: Wernher von Braun.
Als zweiter von drei Söhnen wurde Wernher Magnus Maximilian von Braun am 23. März 1912 in Wirsitz, einem Städtchen in der damals preußischen Provinz Posen, in eine hoch angesehene Familie hinein geboren. Vater Magnus Freiherr von Braun war Landrat dieser Provinz, die nach dem 1. Weltkrieg an Polen fiel. Die Familie übersiedelte nach Schlesien, der Vater wurde Generaldirektor der Deutschen Raiffeisenbank und gehörte als Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft den beiden letzten Regierungen der Weimarer Republik unter den Reichskanzlern Franz von Papen und Kurt von Schleicher an. Wernher absolvierte das Französische Gymnasium in Berlin und immatrikulierte 1930 an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg. Er nutzte Kontakte zum Heereswaffenamt, das sich für den militärischen Gebrauch der neuartigen Antriebsform interessierte, und trat am 1. Oktober 1932 als ziviler erster Sachbearbeiter von Hauptmann Walter Dornberger ins Ballistische Referat am Heereswaffenamt ein. Die in dieser Tätigkeit erzielten Forschungsergebnisse reichte er im April 1934 unter dem Titel "Konstruktive, theoretische und experimentelle Beiträge zu dem Problem der Flüssigkeitsrakete" als Dissertation ein. Die Zeiten hatten sich seit gut einem Jahr geändert, die Weimarer Republik war dem Dritten Reich gewichen, von Brauns Arbeit galt nun als "geheime Kommandosache" und durfte nicht veröffentlicht werden.
Der Beschluss des NS-Regimes vom März 1935, eine deutsche Wehrmacht zu errichten und neben dem Heer und der Marine die Luftwaffe als dritte Waffengattung aufzubauen, sah auch ein entsprechendes Budget für die Entwicklung von Raketen vor. 1937 wurde auf der Ostseeinsel Usedom die Heeres-Versuchsanstalt in Peenemünde bezogen, von Braun war gerade 25 Jahre alt, als ihm die technische Leitung und die Führung eines immerhin schon achtzig Techniker umfassenden Teams übertragen wurde.
Nach Ausbruch des 2. Weltkrieges waren die meisten NS-Spitzen von der neuen Technologie lange Zeit nicht besonders angetan, einerseits weil sie unausgereift war und andererseits die Konzeption des Blitzkrieges der Produktion anderer Waffen den Vorzug gab. Das änderte sich erst in den Jahren 1942/43, als durch die Bombardements der Alliierten eine Umstellung auf einen lange dauernden Abnützungskrieg erfolgte. Am 7. Juli 1943 ließ sich Hitler im Führerhauptquartier Wolfsschanze von Dornberger und von Braun über Einzelheiten der Rakete informieren, da galt das A4 – vor allem durch Intervention von Rüstungsminister Albert Speer – bereits als kriegsentscheidende und mit allem Nachdruck zu fördernde Waffe. Es war vorgesehen, die Produktion auf Peenemünde, Friedrichshafen sowie die beiden Lokomotivfabriken in Berlin-Falkensee und den Rax-Werken bei Wiener Neustadt aufzuteilen. Nachdem sich im April 1943 Ingenieure von Peenemünde am Beispiel der Flugzeugfirma Heinkel in Oranienburg vor Ort vom Vorteil des Arbeitseinsatzes von KZ-Häftlingen überzeugen lassen hatten, wurden bei allen Serienwerken eigene Konzentrationslager eingerichtet.
Am 13. August 1943 bombardierten amerikanische Fliegerverbände die Rax-Werke und in der Nacht vom 17. auf den 18. August die Engländer das Werk in Peenemünde. Die Produktion wurde daraufhin in das thüringische Nordhausen verlegt, wo bis Kriegsende 60.000 Häftlinge des neu errichteten KZ Dora-Mittelbau in den zu einer gigantischen Untertagefabrik umfunktionierten Stollen im Kohnstein in der Raketen-Produktion eingesetzt wurden. Die Forschung und Entwicklung weiterer Raketen – unter anderem des A9 und A10, die die Ostküste Amerikas erreichen sollten – waren im oberösterreichischen Ebensee, dem Projekt "Zement", vorgesehen. Unter dem Druck des Kriegsverlaufs wurden in diesen Stollen aber eine Erdölraffinerie sowie die Produktion von Zubehörteilen für Lastwagen und Panzer der Steyr-Daimler-Puch AG eingerichtet.
Im Sommer 1944 trat der Krieg, wiewohl für die Deutschen längst verloren, in eine neue Phase. Am 13. Juni schlugen zwei von Nordfrankreich abgeschossene V1, die mit ihren Tragflächen eher unbemannte Flugzeuge als Raketen waren, südlich von London ein und töteten sechs Zivilisten. Die deutsche Propaganda pries die neuen "Wunderwaffen", tatsächlich aber waren sie extrem anfällig. Als drei Tage später 244 V1 gegen London gestartet wurden, erreichten nur 47 ihr Ziel. Um die Trefferzahl zu erhöhen, wurde die bemannte Version einer V1 zum "Selbstopfer-Einsatz" gebaut und von Testpilotin Hanna Reitsch erprobt, zum Einsatz kam die Kamikazewaffe "Reichenberg" aber nicht.
In der Folge arbeitete das Team um Wernher von Braun, zwei Jahre nach ihrem Erststart, rastlos am militärischen Einsatz der V2. Am 8. September 1944 schlug die erste V2 in Paris, einige Stunden später die zweite in London ein. Von Braun meinte, dies sei "die Demonstration der traurigen Tatsache, dass viele neue Entwicklungen zu nichts führen, wenn sie vorher nicht als Waffe verwendet werden". Bis Kriegsende töteten Tausende V1 und V2 mehr als 12.000 Personen. Für eine Kriegswende freilich kamen die neuen Waffen zu spät.

Gegen Ende des Krieges wurden 500 der wichtigsten Raketenexperten ins bayrische Oberammergau verbracht, von Braun und Dornberger in einem Hotel in Oberjoch einquartiert. Die Gruppe nahm Anfang Mai 1945 Kontakt zur 44. Infanteriedivision der 7. US-Armee auf und wurde ab Juli in Garmisch-Partenkirchen langen Verhören unterzogen. Unter dem Decknamen "Overcast" ermittelten amerikanische Experten – Richard W. Porter von General Electric und Colonel Holger N. Toftoy vom US-Raketenwaffenamt als Hauptverhörende – diejenigen unter den deutschen Wissenschaftlern, deren Qualifikation für die USA den größten Nutzen darstellte.
Wer in Frage kam, in das groß angelegte amerikanische Übernahmeprogramm aufgenommen zu werden, erhielt auf seiner Karteikarte eine Büroklammer (engl. paperclip), wovon sich die später offizielle Bezeichnung "Aktion Paperclip" ableitet. Das Ausschließungskriterium, der NSDAP angehört zu haben oder an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein, spielte bald keine Rolle mehr. Von Brauns SS-Zugehörigkeit als Sturmbannführer schönten die Amerikaner im Abschlussbericht zu einem "Ehrenrang". Dass er in Nordhausen, wo 20.000 Häftlinge starben, die grausamen Arbeitsbedingungen in den engen Stollen gesehen haben müsse, an den Leichenbergen der Zwangsarbeiter vorbei marschiert sei und selbst Häftlinge für die Produktion ausgesucht haben soll, wurde erst nach seinem Tod am 16. Juni 1977 zum Thema.
Die amerikanischen Medien richteten – nach ersten, argwöhnischen Berichten – schon bald ihr Hauptaugenmerk auf die Kommunisten, die die Nationalsozialisten als Feindbild abgelöst hatten. Dass die Einreise von etwa 120 Peenemünder Wissenschaftlern illegal war, sie sich als "Prisoner of Peace" auf Fort Bliss im texanischen El Paso aufhielten und erst 1949 durch eine Scheineinreise aus Mexiko ihre offiziellen Visa erhielten, nahm die Öffentlichkeit kaum wahr. Jahrelang lebten sie in Holzbaracken, hatten als Forschungslabor einzig den Anbau eines Krankenhauses zur Verfügung und bloß einmal im Monat die Erlaubnis, in Vierergruppen und von einem Militärpolizisten begleitet, Fort Bliss zu verlassen. Von Braun hatte 1947 die um siebzehn Jahre jüngere Maria von Quistorp geheiratet, der Ehe gehen zwei Töchter und ein Sohn hervor.
Mit dem Ausbruch des Koreakrieges 1950 stiegen nicht nur Amerikas Rüstungsausgaben stark an, nun waren auch die Deutschen für die Entwicklung der Raketentechnologie, die als vorrangig eingestuft wurde, gefragte Spezialisten. Walter Dornberger, der ehemalige militärische Leiter von Peenemünde, wurde Vizepräsident von Bell Aerospace, Wernher von Braun Direktor in Huntsville, Alabama, wo ein Raketenforschungszentrum errichtet worden war. Er entwickelte die Mittelstreckenrakete "Redstone", stellte das erste Projekt einer Mars-Erkundung sowie die Pläne für eine Raumstation vor.
Als die als technologisch rückständig eingeschätzte Sowjetunion 1957 den Sputnik als ersten Satelliten in die Erdumlaufbahn schoss und vier Jahre später Juri Gagarin als ersten Menschen in den Weltraum brachte, saß der Schock bei den Amerikanern tief. Ein Treppenwitz machte die Runde: "Ihre Deutschen sind besser als unsere Deutschen." So wie die Amerikaner hatten, nebst Briten und Franzosen, natürlich auch die Sowjets deutsche Wissenschaftler abgeworben. Prominentester Peenemünder war wohl Elektronikspezialist Helmut Gröttrup, der die Lenk- und Steuerungssysteme der V2 entwickelt hatte. 1944 Leidensgenosse von Brauns, als die Gestapo beide unter dem Verdacht, sich nicht mehr voll der militärischen Forschung zu widmen und von Braun darüber hinaus Fluchtabsichten nach England unterstellt wurden, vorübergehend in Haft genommen hatte, arbeitete er nun unter von Brauns Gegenspieler Sergej P. Koroljow am sowjetischen Raumfahrtprogramm.
Gestützt auf ein milliardenschweres Budget für Tausende von Mitarbeitern sowie Testserien und Versuchsreihen sonder Zahl, hatte von Braun die sowjetische Herausforderung angenommen. Am 31. Jänner 1958 setzte die USA ihren ersten Satelliten aus, ab demselben Jahr wurde von der neu gegründeten NASA am Projekt Mondlandung gearbeitet. Am 20. Juli 1969 löste die Apollo 11 John F. Kennedys Versprechen, noch vor Ende des Jahrzehnts am Mond zu landen, posthum ein. Neben Neil Armstrong ist Wernher von Braun der große Held. Auf Schultern wird er in einem Triumphzug durch die Straßen getragen und als "Mr. Space" gefeiert. Der Beutedeutsche – seit 1955 US-Staatsbürger - ist am Höhepunkt seiner Karriere. Zu dieser Zeit ahnt niemand, dass von Braun bereits drei Jahre später die NASA verlassen wird und die Zwistigkeiten in der neu besetzten Führungsetage möglicherweise jene heimtückische Krankheit in seinen Magen setzten, an der er weitere fünf Jahre später sterben wird.
Dass die "Geburt der Raumfahrt dem Geist der Barbarei" entsprang, wie es von-Braun-Biograf Rainer Eisfeld bezeichnet, interessierte damals niemanden. Auch dass die Erforschung, wie der menschliche Organismus auf die Schwerelosigkeit reagiert, ihren Ursprung in grausamen, oft tödlichen Menschenversuchen im KZ Dachau hat, wurde erst spät bekannt. Der dafür letztverantwortliche Arzt Dr. Hubertus Strughold, unter den Nazis Leiter des Luftfahrtmedizinischen Forschungsinstituts und durch die "Aktion Paperclip" einem Prozess in Deutschland entkommen, hatte 1949 an der "School of Aviation Medicine" die Abteilung für Weltraummedizin gegründet und wurde in diesem Fach der erste Universitätsprofessor der USA. An den 22. Februar 1942, den Beginn der Menschenversuche, will heute in Dachau niemand mehr erinnert werden. Anders Peenemünde: Hier stellt man sich in einem obskuren Museum als Wiege der Raumfahrt dar und feierte noch 1992 mit einem Festakt den 50. Jahrestag des Erststarts einer V2.

Erschienen in "Wiener Zeitung", 22./23.3.2002